Das Deutsch der Zukunft

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Keine Umlaute, keine Groß- und Kleinschreibung, keine unregelmäßigen Verben mehr?
Unsere hohe Kunst des Sprechens verschlammt zusehends in einem Wust aus Anglizismen, fremdsprachendeutsch und SMS und Twitter Abkürzungen?

Der, der in diesem Punkt eine Horrorvorstellung sieht, sei gewarnt. So unrealistisch sind diese Prognosen nicht. Aber zum Glück merken wir weniger davon, als man nun annehmen könnte.

Horrorvorstellung Sprache in einhundert Jahren

Jeder, der eine gepflegte Konversation, oder einen elegant formulierten Text einer Proletendebatte vorzieht, sieht in dem natürlichen Wandel unserer Sprache ein großes Risiko: Was, wenn wir unsere schicken, hochtragenden Formulierungen, unsere eleganten grammatikalischen Gebilde, oder unseren reichen, aus unserer ureigenen Geschichte stammenden Wortschatz, gegen ein Fremdwörterbombardement und einer primitiven Form der Satzbildung tauschen?

Wenn aus „stehlen, stahl, gestohlen“ allmählich „klauen, klaute, geklaut“ wird, rümpft so mancher noch die Nase. Und tatsächlich ist das der Trend, zu dem sich unser Deutsch hin entwickelt.

Deutsch in 100 – 500 Jahren

  • Die Umlaute sowie das „ß“ werden Verschwinden
  • Bereits heute sind ü ä und ö eine Seltenheit. Immigranten und Ausländer, die Deutsch lernen, schreiben unser SZ oder scharfes s als großes B, manche lesen unsere „Grüße“ als „Grube“. Aufgrund des Angleichs der Sprachen ist es durchaus wahrscheinlich, dass wir in naher Zukunft ohne Umlaute auskommen müssen.

  • Der Genitiv stirbt
  • Wie hieß es einst so schön in der Schule? „Genitiv ins Wasser. Wieso is Dativ?“ Um in dem Sprachbild zu bleiben: Ja. Unser zweiter Fall säuft allmählich ab.

  • Groß und Kleinschreibung ist bald nur noch Kleinschreibung
  • Ein Trend aus dem Internet. Der Chatkultur und dem schneller werdenden Leben geschuldet. Texte werden Flüchtiger. Man schreibt nicht mehr für ein breites Publikum, man nimmt sich nicht mehr die Zeit für einen schönen Brief. In der Sekunde, in der man die Wörter denkt, stehen sie bereits auf dem virtuellen Papier unserer Monitore, dahingeschludert mit 10 Finger System und autokorrektur. Und wenige Minuten später sind sie längst wieder im Chatverlauf verschwunden.
    Auf die Form des Textes wird kaum mehr geachtet. Die „Schnörkel“ an der Seite interessieren nicht mehr. Das Gesamtbild „Brief“ ist vollkommen verschwunden. Was bleibt, ist der reine Informationsgehalt des Textes und eine abenteuerliche Punkt und Kommasetzung, die entfernt zum Verständnis beitragen soll.

    Natürlich achtet man hierbei nicht mehr auf die Filigranität unserer Groß- und Kleinschreibung. Es ist aber auch maßgeblich von einer anderen Richtung beeinflusst: Im Englischen ist alles klein, außer Namen, „ich“ und das Wort am Satzanfang.

  • Unregelmäßige Verben sterben aus
  • Das Beispiel „backen“ zeigt es heute schon: damals noch „Buk“ wird die Vergangenheit mittlerweile häufiger mit „backte“ gebildet. Unregelmäßige Verben sind kompliziert, unpraktisch und überflüssig. Im Englischen wurde auch das „Past tense“ bereits vor langer Zeit revolutioniert (vgl. den Stammtischprahler Artikel: Warum ist Englisch so „einfach“?). Die wenigen Ausnahmen sind nur ein Überbleibsel, einer einstmals ebenso komplexen Sprache, wie die der Deutschen.

  • Denglisch und Zweisprachenkultur
  • Aktuell steht der deutschen Sprache eine erneute Teilung bevor. Alles, wissenschaftliche, technische oder informatorische wird sehr stark Englisch geprägt, wohingegen sich die allgemeine Straßensprache durch die Vielzahl an zuwandernden Menschen aus dem nahen Osten, eher in Richtung Arabisch entwickelt.

  • Neologismen und Kurzformen
  • Eine weitere Auswirkung unserer Effizienzgesellschaft. Schnell schnell schnell muss das Schreiben gehen. Und Englisch macht es doch wieder einmal vor: aus „He is“ wird schnell mal „He’s“, aus „I would“ wird „I’d“ oder aus want to, wird wanna.
    Nicht anders machen wir es im Deutschen. „Willers“ wird bald das neue „Will er es?“, „i-wie“ kürzt das nervige „irgend“ ab, und ein 3. s am „dass“ (das eigentlich auch nur mit einem s geschrieben werden würde) steht für das passende „ist“ (also „dasss Peter“ = „Das ist Peter“). Wenn wir auch gerade beim „ist“ sind: In naher zukunft könnte selbst beim ausgeschriebenen Wort das „t“ wegfallen. Is doch praktisch, oder?

  • Gesprochene Wörter werden zu geschriebenen Wörtern
  • Wie im Stammtischprahlerartikel Warum es Theater heißt, aber nicht Thier bereits erwähnt, geht der gesprochenen Sprache ein natürlicher, der geschriebene aber ein künstlicher Prozess voraus. Unsere Buchstabenkombinationen richten sich nach dem, was sich (wie bei der Evolution) als nützlich und praktisch erwiesen hat.
    Auch hier fällt der englischen Sprache wieder ein bedeutender Einfluss zu. So haben wir „gedownloaded“ statt „heruntergeladen“, Fete statt Feier, oder gar Party.

  • Englische Aussprache, keine deutschen Pendante mehr, Eigennamen werden zu Adjektiven
  • Nach den deutschen Regeln müsste der Cent eher „Zent“ ausgesprochen werden und das Baby eher „bebi“. Twittern gäbe es nicht, das wäre allerhöchstens noch zwitschern, und wenn ich etwas google, dann mache ich mir auch nicht mehr die Mühe, den Eigennamen mit einem passenden deutschen Verb zu ersetzen. Ich rendere einen Film, statt ihn zu „erbringen“ und debugge ein Programm, statt es „fehlerfrei zu machen“ oder gar „von Käfern zu befreien“.

Also alles schlecht in der Zukunft?

Fangen wir mal so an: Stört es, wenn man Couch sagt, statt Sofa? Nervt es, das Thier nur noch ohne H zu sehen? Wie oft „stahl“ man in letzter Zeit? Wie oft „buk“ man? Wie oft hörte man dem „Volksempfänger“ zu oder „scharmierte“ einer Dame?
Wie oft fragte man nach einem Tempo, und meinte doch ein Taschentuch irgend einer Marke? Wie oft verwechselte man ein Luftschiff mit einem Zeppelin?

Alles, was dort oben in unserer „Liste des Schreckens“ steht, ist weder neu, noch geschieht es plötzlich und unerwartet. Sprache war immer im Wandel. Von vielen Seiten beeinflusst, und letztendlich wie die besagte Evolution, im „trial and error“-Prinzip (herrje schon wieder ein Anglizismus) das heraussiebend, was sich als nutzlos erwiesen hat.

Wie oben bereits beschrieben, steht der Deutschen Sprache eine erneute Teilung bevor. Erneut deshalb, weil genau das alles schon mehrfach vorgekommen ist.
Der Adel versuchte, sich im Mittelalter vom gemeinem Fußvolk abzuheben. Das sah man auch durch eine „abgehobenere“ Sprache. Besonders im Englisch ist das offensichtlich: Noch heute isst man „meat“, statt „flesh“. Es gibt „steak“, statt „cow“ und „Pork“ statt „pig“.
In der Zeit der Industrialisierung wurde aus dem Adel der Großgrund- oder Fabrikbesitzer, aus dem Bauer der Proletarier. Daher kommt unsere Eingangs erwähnte „Proletensprache“.

Und zum Thema: Vereinfachung und Zusammensetzung der Worte: Im Stammtischprahlerartikel 5 seltsame Wörter der deutschen Sprache gingen wir dem Ursprung des Wortes „desto“ auf den Grund. Die ersten, die dieses Wort jemals hörten, müssen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben. Damals starb das „instrumental“ also quasi ein Bruder des Genitivs.

Die schöne Umschreibung „hiu tagu“ wurde zu „heute“ vermanscht. Anstatt zu „erkiesen“ (Grundlage für das Englische choose) gewann plötzlich das Unterschichtenwort „wellan“ (Grundlage für das heutige „wollen“) die Oberhand.

Wir sehen also, diese „Verschlimmerung“ der Deutschen Sprache ist nichts weiteres, als ein fortwährender Prozess. Unsere Auffassung von richtiger Rechtschreibung, Grammatik und Syntax nichts weiter, als eine Momentaufnahme.

Wie wird die Sprache der Zukunft also aussehen?

Stromlinienförmig, uniform, schnell und universal. Leicht, etwas unbeholfen und gespickt mit neuen Wörtern, die ein Mensch von 2016 aber immer noch versteht.
So, wie wir ein Deutscher vor 500 Jahren gerade noch verständlich ist, wenn er auch noch so seltsam klingt, würden wir uns im 25. Jahrhundert gerade noch so über Wasser halten können. Nicht mit einzelnen Nomen und Verben, sondern mit der allgemeinen Grammatik, dem Sprachfluss, den Basisbausteinen. Denn diese erwiesen sich trotz aller Einflüsse als äußerst robust.

tl;dr: Quick & Dirty:

Sprache war, ist und wird immer ein Medium sein, dass sich im konstanten Wandel befindet. Unser primäres „Deutsch“ wird bleiben, aber viele Wörter werden sich im Lauf der Zeit ändern. Allen voran werden wir Nomen und Verben aus dem Englischen und arabischen Sprachraum bekommen. Die Rechtschreibung wird umgestellt, Umlaute sterben aus, neue Wortkombinationen kommen hinzu.

Quelle: http://www.news.de/panorama/855041333/lebe-wohl-genetiv-und-ue/1/
Bild: www.flickr.com

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